"Monsters vs. Aliens - Ein Gespräch mit Schauspieler Kiefer Sutherland"
(Nordkurier.de / 02.04.2009)

Ich habe diese Stimme von meinem Vater geerbt

Der kanadische Schauspieler Kiefer Sutherland, Sohn des gefeierten Kino- und Bühnenstars Donald Sutherland, wurde mit Filmen wie "Flatliners" oder "The Lost Boys" bekannt. Durch die innovative Fernsehserie "24", in der er die Zentralfigur Jack Bauer darstellt, avancierte der heute 42-jährige zur Kultfigur. Im 3-D-Animationsfilm "Monsters vs. Aliens" leiht Kiefer Sutherland nun dem einfach strukturierten General K.O. Putsch seine unverkennbare, sonore Stimme. Wir sprachen mit dem Schauspieler über das Aufwachsen als Sohn eines Stars, über seine Abneigung gegen zu viel Technologie und die Zukunft von "24".


Mr. Sutherland, war es für Sie eine Befreiung, endlich an einer Komödie mitzuwirken?

Ja, es hat so viel Spaß gemacht. Als Synchronsprecher kann man in einen Charakter schlüpfen, ohne durch die eigene Physis limitiert zu sein. Dein Aussehen und die Stimme der Figur müssen nicht zwangsläufig zusammenpassen. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl. In einem normalen Spielfilm könnte ich eine solche Rolle niemals spielen.

Wie pflegen Sie Ihre charakteristische tiefe Stimme?

Ich habe diese Stimme von meinem Vater geerbt. Ich erinnere mich daran, dass ich mal ans Telefon gegangen bin, da kann ich nicht älter als zwölf gewesen sein. Und die Person am anderen Ende sprach mit mir, als sei ich mein Vater. Da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass ich dieses Glück gehabt habe. So kam ich auch zu meinen ersten Synchronarbeiten. Mein Vater hat Werbespots für einen Autobauer gesprochen. Eines Tages fand ich heraus, wie lukrativ das ist. Ich sagte zum Spaß, dass ich der Firma angeboten hätte, eine großartige Donald-Sutherland-Imitation für die Hälfte des Geldes abzuliefern. Tatsächlich aber bin ich so darauf gekommen, dass es auch noch diese andere Option gibt, um als Schauspieler zu arbeiten. Wenn man Filmangebote hat, die nicht gut sind, man aber seine Rechnungen bezahlen und sich um seine Kinder kümmern muss, kann man auch auf diese Weise Geld verdienen. Also habe ich ein paar Werbespots gemacht. Und das führte mich dann auch ins Animationsgeschäft.

Glauben Sie an Verschwörungstheorien, wie sie in "Monsters vs. Aliens" oder auch "24" im Mittelpunkt stehen?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Glaube ich daran, dass die Regierung alle Geheimnisse mit den Leuten teilt, die sie gewählt haben? Absolut nicht. Glaube ich an das sagenumwobene Area 51, auf dem die Armee UFOs verstecken soll? Nein. Bin ich arrogant genug, um zu glauben, wir Menschen seien die einzigen intelligenten Lebewesen und die Erde sei der einzige bewohnte Planet im gesamten Universum? Absolut nicht.

Stimmt es, dass Sie nicht mit Computern umgehen können und Ihre Tochter Ihnen helfen muss?

Ich bin nicht sehr gut am Computer, das stimmt. Meine Tochter ist mir da keine große Hilfe. Sie macht eher Witze wie: "Oh, Dad, kannst Du mal rüberkommen und mir helfen? Ach nee, das kannst Du ja nicht!" Bei vielen neuen Technologien habe ich das Gefühl, man spannt den Wagen vor das Pferd. Ich glaube nicht, dass digitaler Film beim heutigen Stand der Technik schon mit Film mithalten kann, besonders bei Tageslicht. Ich mag Schallplatten, ich möchte gern das Knistern hören. Ich mag CDs nicht so sehr und erst recht keine Musik, die für Downloads komprimiert wurde. Wenn man sich einen Film wie "Der Pate" auf einem digitalen Fernseher anschaut, sieht das kacke aus, als hätte man es mit einer Videokamera gedreht. Aber das ist nur meine Meinung.

Wie verhält es sich mit den computeranimierten 3-D-Filmen?

Ich liebe den 3-D-Aspekt in diesem Film. Sie zeigen einem zu Beginn mit einem Ping Pong-Ball, welche Effekte man mit dieser Technologie erzielen kann. Und dann machen sie es niemals wieder. Stattdessen hat man das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Ich bin 42 Jahre alt und sogar ich habe den Kopf verdreht. Man stelle sich vor, ein 7-jähriger, der noch für alles offen ist, hat dieses Erlebnis! In diesem Film ist die Technologie bereit. In anderen Fällen wünschte ich mir, wir würden ein wenig langsamer voranschreiten.

Sie sind Kanadier. Wie amerikanisch fühlen Sie sich?

Ich lebe seit 22 Jahren in den USA. Mein Erbe ist kanadisch, meine Familiengeschichte ist politisch und emotional mit Kanada verwurzelt. Aber in Amerika ist man sehr gütig zu mir. Ich kann einer Arbeit nachgehen, die ich liebe. Für englischsprachige Schauspieler gibt es keinen wichtigeren Platz als Hollywood. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, dort arbeiten zu dürfen. Ich wurde in Großbritannien geboren, aber ich würde mich nie als britisch bezeichnen. Ich bin Kanadier.

War es immer einfach, der Sohn eines hochdekorierten Schauspielers zu sein?

Ich war schon als sehr junger Mensch klug genug, um niemals auf den Gedanken zu kommen, in die Fußstapfen meines Vaters treten zu können. Wir sprechen hier von einem der verdientesten Schauspieler der englischen Sprache. Ich ordne Filme in drei Kategorien ein: es gibt Movies, es gibt die etwas intelligentere Variante der Filme und es gibt das Kino, die künstlerische Widerspiegelung unseres gesamten Potentials. Ich habe noch nie ein Stück großes Kino geschaffen. Mit einem Film wie "Dark City" bin ich dem vielleicht am nächsten gekommen. Aber schauen Sie sich "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Fellinis Casanova" oder Bertoluccis "1900" an, drei Filme, die unbedingt in die Kategorie Kino gehören. Ich habe schnell bemerkt, dass ich hier nicht gewinnen kann und ich habe andere Wege beschritten. So bin ich nie in ein Dilemma gekommen und ich hatte auch nie das Gefühl, nicht genug Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich hatte eine klare Vorstellung von meinem eigenen Weg und ich bin stolz darauf, einen so einzigartigen und speziellen Vater zu haben.

Die Fernsehserie "24" geht mittlerweile ins siebte Jahr. Warum geht man bei den Geschichten immer von ähnlichen Prämissen aus?

Unglücklicherweise geschehen in unserer Welt immer wieder Dinge, aus denen man sich etwas herausziehen kann. Es ist kompliziert, wenn man eine Figur hat, die sich in jeder Staffel aufs Neue verzweifelten und lebensbedrohlichen Umständen stellt, die das Publikum schon erwartet. Man hat eine erste Staffel, um ein Konzept einzuführen, das jede weitere Staffel aufgreift. Die wirkliche Entwicklung und die große Herausforderung für die Autoren liegt für mich bei der Frage, wie die Figur Jack Bauer sich unter diesen Voraussetzungen weiterentwickelt. Es ist klar, dass er einen schrecklichen Tag erleben wird. Mit Sicherheit wird er keine wunderbare, romantische Zeit haben. Die Umstände, in die Jack Bauer gerät, sind nicht notwendigerweise das, was die Show vorantreibt. Man wird vielmehr Zeuge, wie Jack Bauer an jedem einzelnen dieser Tage anders funktioniert. Am Anfang hatte er diesen unglaublich idealistischen Blick auf die Vereinigten Staaten und auf seine Verantwortung gegenüber seiner Regierung. Er war fast blind. Wenn man ihn heute anschaut, ist er ein Ex-Patriot, der weder der Regierung noch sonst jemandem vertraut. Seine Sichtweise hat sich kontinuierlich verändert.

Gibt es etwas, das Jack Bauer noch nicht erleiden musste?

Ich glaube, er hat noch keine Erkältung gehabt. Ich glaube, die Show funktioniert immer dann am besten, wenn Jack Hoffnung hat, wenn er noch etwas vom Leben erwartet. Wenn er eine Beziehung hat und diese bedroht wird, hinterlässt das beim Publikum großen Eindruck, weil es will, dass die Figur, die so viel gelitten hat, glücklich wird. Man muss ihm etwas geben, das Bedeutung für ihn hat. Sein Wunsch, für eine Sache zu leben, bildet das Gegengewicht zu all den Risiken, die er eingeht. Das macht meiner Meinung nach den Erfolg der Show aus.

Glauben Sie, Jack Bauer sollte am Ende sterben?

Das ist nicht meine Entscheidung. Und: ja. In meiner Fantasie geht er nach vollbrachtem Tagwerk zu seinem Auto und denkt, alles ist gut. Ein Schuss fällt und der Schütze ist vielleicht jemand aus der zweiten Staffel. Aber das ist nur meine Vorstellung. Glaube ich daran, dass es so kommen wird? Eher weniger.

In "24" tritt der erste schwarze amerikanische Präsident auf. Glauben Sie, dass das Obama geholfen hat?

Nein. Ich glaube, Barack Obama hat Barack Obama geholfen. Er hat eine wunderbare Kampagne hingelegt und der Wechsel war eine Notwendigkeit. Er hat eine große Hoffnung geschürt und ich glaube, sie ist immer noch da. Egal, ob man ideologisch auf seiner Seite steht und seine Wirtschaftspolitik gutheißt oder nicht, man muss ihm zugestehen, dass er die Einhaltung all seiner Wahlversprechen beinahe aggressiv angeht. Ich will aber die Macht des Fernsehens und der Filme nicht klein reden. Diese Medien sind ungeheuer einflussreich. Einige Fernsehserien haben Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre, einen sehr ernsten Blick auf den Rassismus, auf blinden religiösen Eifer und Sexismus in den Vereinigten Staaten geworfen und sich dabei des Humors bedient. Ich bin davon überzeugt, dass diese Serien die soziale Landschaft verändert haben. Und ich glaube, wenn man einen Afroamerikaner oder auch eine Frau als US-Präsidenten besetzt, beginnen die Menschen, den Gedanken zu akzeptieren, dass es dafür an der Zeit ist. Ich würde nie Obamas Erfolg mit unserer Serie verknüpfen wollen. Aber die Menschen werden durchs Fernsehen offener für solche Ideen.

Wird es einen "24"-Kinofilm geben?

Ja. Aber wir haben alle zugestimmt, diesen Versuch nicht zu wagen, während wir noch an der Fernsehserie arbeiten. Unsere Autoren schreiben das Äquivalent zu 12 Filmen im Jahr und wir drehen das in zehn Monaten. Sie zusätzlich mit einem Buch zu einem zweistündigen Film zu belasten, dass es wirklich wert ist und das noch viel mehr kann als wir mit der Serie erreichen können, wäre nicht fair.

Was war das Lächerlichste, das Sie je über sich gelesen haben?

Vor drei Monaten habe ich gelesen, ich hätte jemanden vor einem Raubüberfall gerettet, dabei war ich zu dieser Zeit nicht mal im Land. Aber manchmal kann so etwas auch sehr schmerzvoll sein. Es gab mal eine Frau von einem Radiosender, die sich von ihrem Freund anrufen ließ, der vorgab, ich zu sein. Er sprach von einer Affäre mit ihr und davon, dass ich meine Tochter nicht haben wolle, die damals zwei war. Gemeines Zeug. Meine Frau und mich hat das sehr verletzt. Aber wenn man in diesem Beruf arbeitet, muss man lernen, solche Dinge an sich abprallen zu lassen. Ich habe das immer sehr persönlich genommen und so war es für mich am einfachsten, es einfach nicht mehr zu lesen.

Waren Sie schon einmal in Deutschland?

Ja. Ich war zum Beispiel vor einiger Zeit in Berlin. Ich habe eine kleine Plattenfirma und eine unserer Bands spielte ein paar Konzerte hier. Es waren vier Tage, einer davon war Sylvester. Ich habe gesehen, wie die Leute ihr privates Feuerwerk veranstalteten, das ist in den Staaten absolut illegal, vor allem in den großen Städten. Wir gingen nach dem Konzert raus auf die Straße, es lang tiefer Schnee. Kinder kamen um die Ecke gerannt und feuerten Raketen ab wie Bazookas. Sie trafen die Wände von Gebäuden und alles Mögliche. Das war erstaunlich, für einen kurzen Moment ging es gefährlicher zu als am Set von "24".