"Verherrlichen Sie die Folter, Kiefer Sutherland?"
(Berliner Morgenpost / 29.03.09)

Kiefer Sutherland ist "ein wenig frustriert". Schließlich würde er viel lieber Berlin sehen, als im Hotel Adlon Interviews zum Animationsspektakel "Monsters vs. Aliens" zu geben.
Immerhin: Beim Konzert einer von ihm produzierten Band verbrachte er schon mal den Jahreswechsel in der Hauptstadt. "Leider habe ich auch da nicht viel mitbekommen, denn meine Freunde und ich verbrachten die meiste Zeit in Bars", gibt er zu. Und so reißt er sich zusammen und spricht mit ausgesuchter Freundlichkeit über seine beruflichen Einsätze - allen voran sein zweites Leben als Agent Jack Bauer.


Hat sich Präsident Obama schon bei Ihnen bedankt?

Nein, hat er leider nicht. Aber wofür sollte er sich bedanken?

Schließlich haben Sie mit "24" ein schwarzes US-Staatsoberhaupt in den Köpfen der Zuschauer verankert. So gesehen hat Ihre Serie zu seinem Wahlerfolg beigetragen.

Barack Obama wurde wegen Barack Obama gewählt. Offen gestanden hatte das "24"-Team das selbst nicht erwartet. Deshalb gibt es ja momentan in Staffel 7 eine Frau in der Präsidentenrolle zu sehen. Aber insgesamt denke ich schon, dass Fernsehen und Filme Macht besitzen. Indem Dennis Haysbert vier Jahre lang Präsident Palmer spielte, zeigten wir, dass die Idee eines schwarzen Staatsoberhaupts etwas Vernünftiges war. Schließlich geht es hier um 35 Prozent der Wählerschaft. Irgendwann mussten die einen Repräsentanten finden. Unser Ziel war es also nicht, einen bestimmten Kandidaten zu unterstützen, sondern zu sagen: 'Das wird passieren, also akzeptiert es und gewöhnt euch dran.' Und nach der Logik wird es eines Tages eine Präsidentin geben. Damals als wir die Drehbücher für Staffel 7 schrieben, war ja auch Hillary Clinton die eindeutige Favoritin.

Zuletzt hatten Sie aber eine entspanntere Aufgabe als 24 Stunden lang die Welt zu retten - in dem Animationsfilm "Monsters vs. Aliens" sprechen Sie eine der Hauptrollen. Können Sie den Stress der Jack Bauer-Rolle da einfach abschütteln?

Kann ich. Das geht ganz schnell. Das Problem für mich besteht eher darin, nach einer spaßigen Aufgabe wie "Monsters vs. Aliens" wieder in die Welt von "24" zurückzukehren. Das liegt vor allem daran, dass ich als Jack Bauer sehr schnell spreche. Das ist die Lösung dafür, dass er einerseits sehr viel erklären, aber andererseits Intensität vermitteln muss. Und jedes Mal habe ich Angst, ob ich diesen Rhythmus so wieder hinkriege. Aber das klappt dann doch, und die restlichen zehn Monate habe ich es wieder drauf.

Wie anstrengend ist es, in so langen Drehs eine Grenzsituation nach der anderen zu spielen?

Für die physischen Aspekte kannst du trainieren. Psychologisch sind eher die äußeren Umstände schwierig. Das liegt nicht an der Rolle, sondern am Entstehungsprozess. Wir beginnen mit den Drehbüchern für vier bis fünf Folgen, die Autoren arbeiten indessen weiter. Aber so schnell sie auch schreiben, bei Folge acht haben wir sie eingeholt. Und du weißt nicht mehr, wie sich die Handlung weiter entwickelt. Das ist sehr belastend. Und immer wieder kommt es dann vor, dass die Bücher Probleme haben, und wir gemeinsam mit den Autoren dran arbeiten müssen.

Lassen sich solche Probleme immer auf die Schnelle lösen?

Nein, leider nicht. Bei Staffel 6 hat der Übergang zwischen den beiden Hauptgeschichten zwischen Episode 11 und 15 nicht hingehauen. Das Publikum war nicht glücklich, wir waren es auch nicht. Wir hatten uns da in einem erzählerischen Dilemma verfangen und kamen einfach nicht raus. Das hat uns selbst genervt. Aber für Staffel 7 hatten wir durch den Autorenstreik mehr Zeit. Unser Ziel ist es, eine perfekte Staffel zu drehen - wir haben das Gefühl, dass wir näher ran kommen, aber wir können es nicht richtig fassen. Wenn wir in einem Bereich Fortschritte machen, klappt etwas in einem anderen Bereich nicht. Aber wenn wir das geschafft haben, dann können wir aufhören.

Wollten Sie nicht auch noch einen Kinofilm drehen?

Den Plan haben wir immer noch. Aber er ist aufgeschoben bis die Serie beendet ist. Wir haben erkannt, dass wir das nicht parallel machen können. Das wäre gegenüber den Autoren zu grausam. Sie können nicht unter Hochdruck die optimalen Fernsehfolgen schreiben und deren Szenario gleichzeitig mit einem Filmdrehbuch übertreffen.

Mag Ihr Vater, Donald Sutherland, die Serie auch?

Ja, sehr sogar. Er hat mir das mehrfach gesagt, und er meint es auch ernst. Denn er will nicht, dass ich ihm künftige Handlungswendungen verrate. Das heißt, er sieht sich "24" tatsächlich an.

Könnte er nicht eine Gastrolle übernehmen?

Nie und nimmer. Ich käme auch nicht auf den Gedanken, ihm das anzubieten. Dieser Mann ist einer der größten Schauspieler des Kinos. Schauen Sie sich doch mal die Bandbreite seiner Rollen an - von "Das dreckige Dutzend" über "Fellinis Casanova", "1900" bis zu "Wenn die Gondeln Trauer tragen" oder "Klute" - und jede seiner Interpretationen ist ganz anders. Als Jugendlicher wusste ich nur, dass er berühmt war, aber ich kannte seine Arbeit nicht. Mit 18 holte ich das alles nach und schaute mir innerhalb von zwei Tagen seine Filme stapelweise an, und ich fühlte mich wie der schlechteste Sohn auf Erden, weil ich nicht gewusst hatte, wie großartig er war.

Wie nahe stehen Sie sich jetzt?

Wir sehen uns nicht häufig. Er verbringt viel Zeit im Ausland, und ich lebe und arbeite in Los Angeles. Wir haben nicht so viel Zeit miteinander verbracht, wie wir uns das gewünscht hatten, weil sich meine Eltern bald nach meiner Geburt trennten. Ich wuchs bei meiner Mutter in Kanada auf, während er in den USA lebte. Aber wir haben großen Respekt voreinander. Und ich habe vor kurzem die Verfilmungsrecht für ein Buch erworben, das ich mit ihm in der Hauptrolle produzieren möchte - "My Father's Secret War", die wahre Geschichte des Vaters der Autorin Linda Franks, der seine Geheimdiensttätigkeiten im Zweiten Weltkrieg vor seiner Familie verbarg und erst davon erzählt, als er das Herannahen der Altersdemenz spürt.

Würden Sie sich wünschen, Sie hätten auch solche Filme wie Ihr Vater gedreht?

Mit ihm kann ich mich gar nicht vergleichen. Ich habe in meiner Karriere hart daran gearbeitet, das Beste aus mir herauszuholen, und ich glaube, dass ich durch "24" viel als Schauspieler dazugelernt habe. Aber er ist eine Ikone. Abgesehen davon - Filme wie zu seiner Zeit werden in Hollywood nicht mehr gedreht. Das Geschäftsmodell ist auf Produktionen mit Budgets von 100 Millionen Dollar zugeschnitten. Hollywood wird von Bankern regiert; ein "Dreckiges Dutzend" dagegen wurde von einem Mann finanziert, der dafür seine privaten Ersparnisse opferte und sein Haus verpfändete. Die wirklich guten Stoffe und komplexen Rollen gibt es jetzt nur noch im Fernsehen. Früher hätte ich es mir nie träumen lassen, dass ich so etwas wie "24" mache.

Allerdings hat diese Serie auch ihre negativen Aspekte. Die US-Armee ließ sich von "24" zu ihren eigenen Folterpraktiken inspirieren. Der Dekan der Militärakademie West Point bat die Produzenten der Serie sogar, die Quäl-Szenen zurückzunehmen, weil das für die Kadetten ein falsches Vorbild abgebe.

Das ist völlige Idiotie, lächerlich, absurd. Ich habe auch keinen einzigen Soldaten gehört, der das behauptet hätte, nur die Vorgesetzten. Glauben Sie, das Militär und die Geheimdienste hätten vor "24" nicht gefoltert? Wir haben nur eine Realität abgebildet, von der jeder wusste, dass es sie gab und gibt. Bei uns waren die Folterszenen Teil der Dramaturgie - sie zeigten die Intensität einer bestimmten Situation. Aber die Armee kann doch nicht ernsthaft die Schuld dafür, was sie in Guantánamo und Abu Ghraib angerichtet hat, auf unsere Serie schieben. Die ist nur genervt, weil sie dabei erwischt wurde. Und jetzt sucht sie nach einer faulen Ausrede. Abgesehen davon zeigen wir auch die Konsequenzen von Folter. Der blind idealistische Jack Bauer der ersten Staffel ist ein ganz anderer als der Jack Bauer in der siebten, der sich für sein brutales Vorgehen vor Gericht verantworten muss. Das mag ich eben an der Serie: Sie versucht niemandem, eine Weltanschauung zu oktroyieren, sondern sie reflektiert Wirklichkeit.

Wie lange wird das noch so weiter gehen?

Ich weiß es nicht. Wir gehen an jede Staffel so heran, als wäre es unsere letzte. Ab Mai drehen wir die achte, und ich bin genauso motiviert und begeistert wie eh und je. Aber von unserem Team sind fast alle von Anfang an dabei, und ich sehe auch, dass einige müde sind. Sobald sich der Staub nach diesen neuen Folgen gelegt hat, werden wir eine gemeinsame Entscheidung fällen. Aber - wie gesagt - unser Ziel ist es, einmal eine perfekte Staffel auf die Beine zu stellen.

Wird Ihre Karriere danach so reibungslos weitergehen oder befürchten Sie, dass die Leute Sie immer als Jack Bauer sehen werden?

Ich bin fest überzeugt, dass ich auch danach eine Karriere habe. Und selbst wenn ich für immer das Stigma des Jack Bauer trage - ich würde diese Serie nie missen wollen. Sie war und ist das Geschenk meines Lebens.