"24 Stunden Zeit...um ein Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Palmer zu stoppen!" (Maxim / 10.2003)
"24" Folgen, bei denen die Zuschauer minutiös mitfiebern. Mit Kiefer Sutherland, der alles retten muss. Auch seine Karriere. Die Zahl "24" ist nicht nur eine Glückszahl für Kiefer Sutherland in der Rolle des Jack Bauer, Chef der Los Angeles CTU, einer Anti-Terror-Spezialeinheit der CIA.
"24" steht auch für ein neues Action-Format: die Echtzeit-Serie. Jede Stunde im Leben der Protagonisten entspricht exakt einer Folge von "24".
Die Handlung: Jack hat 24 Stunden Zeit, ein Attentat auf den schwarzen Präsidentschaftskandidaten Palmer zu verhindern. Das ergibt 24 Folgen voll Hochspannung. Denn außerdem verschwindet Jacks Tochter Kimberly (Elisha Cuthbert) - und ein Mitarbeiter der CTU soll in beide Vorfälle verwickelt sein.
Phasenweise führen Splitscreens die verschiedenen Handlungsstränge zusammen. Die Ästhetik von "24" prägt einen ganz neuen Stil im Serien-Genre. In der zweiten Staffel erreicht "24" einen schrecklichen Höhepunkt: In Jack Bauers Büro gibt es eine Explosion. Wir besuchen Kiefer Sutherland am ausgebombten und blutüberströmten Set:
Entschuldigung, aber können wir dieses Interview verschieben? Ich bin gerade fünf Stunden gefoltert worden. Das macht müde. Wir waren vorgewarnt worden. Von einer PR-Frau, die gleich beim Betreten der "24"-Studios auf uns zu hetzte und sagte: Es ist doch okay für Sie, einen Moment zu warten, oder? Na klar. Gut, es ist nur, weil Kiefer gerade in SChwierigkeiten ist.
In Schwierigkeiten? Elisha Cuthbert, Kiefer Sutherlands Filmtochter Kimberly, flüstert uns bestätigend zu: Sie meint es ernst, es ist wirklich heikel, die Terroristen haben ihn. Und in der Tat, im hyper-realen Echtzeitformat von Kiefer Sutherlands neuem TV-Serienhit "24" haben Terroristen soeben Jack Bauers Büro in die Luft gejagt. Da muss auch die Filmcrew erst mal eine rauchen.
Und ab sofort hat Jack Bauer mehr als sonst jemand das Recht, sich über einen grauenhaften Arbeitstag zu beklagen. Allein schon, weil er so lang ist: "24" beginnt um Mitternacht und endet um 1 Uhr morgens am nächsten Tag. Mit diesem Echtzeitkonzept sind die "24"-Macher einen neuen Weg gegangen. Jede dramatische Entwicklung in Jack Bauers Schicksal kann minutiös verfolgt werden. Das ist "War on Terorism" live.
Erstaunlich, wo doch die Idee aus der Zeit vor dem 11.September stammt. Aber das Erstaunlichste ist, wie leicht man ins Headquarter einer Anti-Terror-Spezialeinheit kommt. Wir haben einfach den Busfahrer gefragt, wo wir aussteigen müssen, und der Pförtner interessierte sich nicht mal für unsere Ausweise (das mindeste was wir erwartet hatten, war ein Netzhaut-Scanner). Da kam nur ein schlaftrunkenes
Passt auf, wo ihr hintretet, da drinnen ist gerade eine Bombe eingeschlagen. Tatsache. Die CTU-Einsatzräume (eigentlich "TV-Studios") sind ein heilloses Gewirr von schwankenden Ventilatorhalterungen, ausgebrannten Computer-Eingeweiden und - ja, von Blutspritzern an den Wänden. Überall. Der perfekte Ort für ein Interview. Als Kiefer Sutherland endlich kommt, ist er unbekleidet - bis auf einen weißen Bademantel,
unter dem zwei ebenso weiße Beine hervorschimmern. Sein Gesicht ist bedeckt mit falschem Blut und echtem Schweiß - dabeihaben wir doch noch gar nicht angefangen. "24" hat nicht nur Sutherlands Karriere wieder auf die Beine gebracht. Er hat sich damit auch erfolgreich neu positioniert. Im Ranking der düster-existentialistischen TV-Superhelden steht er jetzt gleichauf mit dem Schlagzeug spielenden "Tier" aus der Muppet-Show:
Denn auch für Bauer ist jede Episode wie ein wahnwitziges Schlagzeugsolo - mit ihm im Zentrum des Geschehens. Was mich vor allen Dingen fasziniert hat, sagt er, war das Pensum an kritischen Situationen, die Jack Bauer an einem Tag überstehen muss. Da gehts es ans Eingemachte: mit einer gekidnappten Familie, verräterischen Kolegen unmd Anschlägen auf sein Leben.
Das war nicht nur für den Charakter Jack Bauer harte Arbeit, auch für den Schauspieler Kiefer Sutherland. Dafür ist "24" aber auch eine Rettungsleine für seine Karriere:
Vor zwölf Jahren hätte mirmal jemand sagen sollen, dass ich Fernsehen machen würde. Da hätte ich mich doch totgelacht. Filmschauspieler machten damals kein Fernsehen. Das war tabu. Aber als mir "24" angeboten wurde, war das ein Segen. Dieser glücklichen Fügung habe ich viel zu verdanken.
Er hätte den Teufel getan, abzulehnen - in einer Zeit, in der Sutherland als Schauspieler allenfalls noch für ein Engagement beim Kindergeburtstag seiner Tochter Sarah in Frage kam, aber sicher nicht in Hollywood. Die Krise begann 1991: Wegen Kiefers angeblicher Affäre mit einer Tänzerin war seine Ex-Verlobte, Julia Roberts, 1991 mit dem Schauspieler Jason Patric nach Irland geflohen. Sutherlands damaliger Kommentar:
"Wenn ich Patric in die Finger kriege, reiße ich dem alle Glieder einzeln aus." Zur selben Zeit quoll die Boulevardpresse über mit Berichten über Kiefers Exzesse im Clubleben des sündigen Los Angeles.
Dann kam es 1993 zu der legendären Begebenheit, als Kiefer mit seinem Sauf-Buddy Gary Oldman von der Polizei gestoppt wurde - volltrunken hinterm Steuer. Danach wollte das Telefon im Hause Sutherland nicht mehr klingeln. Funkstille - eine geschlagene Dekade lang. Die 90er nahmen ihren Lauf und vergötterten statt Kiefer Sutherland Stars der Sorte Leonardo DiCaprio. Für den Typus "Rüpel" gab es keine Verwendung mehr.
Ich selbst habe erst gar nicht so richtig mitbekommen, dass ich längst abserviert war. Bis ich es nach und nach aus der Presse erfahren habe. Dann habe ich ein Jahr Auszeit genommen. Und auch das zweite Jahr verlief planlos, uns so ging es schließlich fließend in das dritte Jahr über. Dieses Business vergibt dir nicht, wenn du ihm den Rücken kehrst. Das hat mehr als alles andere zum totalen Zusammenbruch meiner Karriere geführt.
Und die Sache mit Julia Roberts, was ist damit?
Ja, die hat auch ihren Teil dazu beigetragen.(lacht nervös) Sagen wir mal so, ich bin nicht gerade perfekt im Heiraten, aber ich kann ein sehr guter Freund sein.
Außerdem ist er offensichtlich ein sehr guter Schauspieler. Dafür gab es jetzt auch den Golden Globe. Mit seiner Rolle des Jack Bauer gewann er in der Kategorie "Best Actor" und ist jetzt wieder voll drin im Hollywood-Zirkus. Zuletzt als Telefonstimme eines wahnsinnigen Heckenschützen in Colin Farrels Film "Phone Booth". Unheimlich ist ihm nur, dass diese Horrorszenariuo-Drehbücher in letzter Zeit einen geheimniswollen Drang haben, Wirklich zu werden.
Das war unglaublich. Ich bin eine Art "True Man" geworden. Der 11.September folge unmittelbar auf die Produktion der ersten Staffel von "24". Dann, kurz nach Fertigstellung von "Phone Booth", kam es zu diesen Vorfällen mit dem Washington Sniper, dem Heckenschützen, der die USA mit seinen willkürlichen Attacken über Wochen in Atem hielt. Vielleicht sollte ich mal einen Film machen, der mit Glückseligkeit und Weltfrieden endet. Aber so ein Zeug will natürlich keiner sehen. "24" und "Phone Booth" waren ein Spiegel der Realität. Das waren doch furchtbare Jahre, die da hinter uns liegen.
Mit "furchtbar" kann Sutherland allerdings wirklich nur die weltpolitischen Ereignisse meinen. Für sein Comeback wäre das ein krasses Understatement. Noch Ende der 90er-Jahre war er immerhin so abserviert, dass er vor lauter Verzweiflung zwei Mal an den US-Meisterschaften im Lassowerfen teilnahm. Das war ungefährlich im Vergleich zu dem, was Kiefer heute macht. Und seinem Dad hätte es sicher auch besser gefallen. Ach ja, der Vater! Verblüffend, wie Kiefer seinem Vater Donald Sutherland ähnelt. Ein wahrer Veteran des ewigen Hollywood-Krieges, den auch sein Sohn zu spüren bekommen hat. Was war eigentlich der wertvollste Rat, den ihm sein Vater zu Beginn der Karriere gegeben hat?
Wissen Sie, was das war? Er hat vergessen, mir einen Rat mit auf den Weg zu geben. Wahrscheinlich war sein bester Rat, nicht in dieses Geschäft einzusteigen, aber da habe ich natürlich weggehört. Und eigentlich bin ich jetzt ganz froh, nicht auf ihn gehört zu haben.
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